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Geburtserfahrung von Anja

Als ich am Morgen wach wurde, war ich nach einem Blick auf die Uhr schon sehr erleichtert. Es lag keine weitere schlaflose Nacht vor mir, wie ich es aus der letzten Zeit kannte. Ich fühlte mich sogar trotz der frühen Stunde erstaunlich fit und überlegte, was ich mit der freien Zeit anstellen könnte, während der Rest der Familie noch schlief. Diese Gedanken wurden jedoch plötzlich durch ein Ziehen im unteren Rücken unterbrochen.


Huch? Eine Wehe? Neugierig verweilte ich noch im Bett und ließ zwei weitere vorbeiziehen. Sie dauerten noch nicht lang und waren angenehm.

Unschlüssig, ob sich nun die Geburt meines zweiten Kindes ankündigte, ging ich ins Wohnzimmer, entzündete eine Kerze und die kleine Lichterkette. Ich schaukelte mich aufmerksam durchs Zimmer und nahm die regelmäßiger werdenden Wehen einladend an. Mit ihnen kamen Gedanken auf, was es noch zu tun gab. Da ich mich später nicht mehr ablenken lassen wollte, schrieb ich eine Liste für meinen Mann und legte Wichtiges in meine Geburtstasche.


Eine Stunde später kam das große Kind zum wachkuscheln. Ich spürte schnell, dass ich kaum mehr ruhig sitzen konnte und weckte meinen Mann. Er kam noch verschlafen, aber neugierig und wir besprachen kurz den Ablauf. Daraufhin kuschelte er das Kind und sich wach, während ich weiter meine Wehen beobachtete und mich auf die Atmung konzentrierte. Kurz vor Acht wollte ich Gewissheit über die Art der Wehen haben und stieg in die warme Dusche. Danach könnten wir beginnen, die Abstände zu messen und entscheiden, wann wir Eileen zu uns einladen. Doch schon in der Dusche spürte ich schnell, dass das warme Wasser seine Wirkung entfaltete. Schöne lange, aufbauende Wehen in kurzen regelmäßigen Abständen überkamen mich und ließen mich in einen brummenden Wehengesang verfallen.

Ich bat meinen Mann Eileen zu schreiben, dass es losgeht. Ich ging ins Schlafzimmer und zog mich an. Danach schloss ich die Vorhänge und ließ nur noch die Wickeltischlampe leuchten. Ich machte es mir vor dem Bett kniend gemütlich und nahm die mittlerweile doch kräftigen Wehen an. Ich wurde unruhig und wünschte mir Begleitung... ich rief meinem Mann zu, er solle anrufen... jetzt!


Eileen ist da. Ruhig trat sie in meine Höhle und begrüßte mich beobachtend. Ich merkte, wie ich mich nun sicher fühlte. In einer Wehenpause besprachen wir die Lage und entschieden uns zum Aufbruch nach Apolda. Mein Mann packte die Tasche und das große Kind ins Auto, welches zuvor noch freudig hüpfend auf dem Sofa die baldige Ankunft der kleinen Schwester feierte.

Ich füllte noch meine Wasserflasche, als eine nächste Wehe mich in die Knie zwang. Obwohl ich dachte, Eileen sei auch schon mit im Treppenhaus, stand sie neben mir, beobachtete mich und schenkte mir ein paar aufmunterte Worte. Nun aber los! Doch schon im Treppenhaus kam die nächste starke Wehe. Ich blieb stehen, nahm sie an und ließ sie wirken. Sofort stand meine Hebamme wieder an meiner Seite.


In Apolda angekommen lief uns Eileen im Anflug der nächsten Wehe wieder über den Weg. Hebammen haben wahrscheinlich ein besonderes Gespür für diese Kräfte und so schmunzelte ich über diesen Augenblick - die Wehe veratment - in mich hinein.

Nach allen Formalitäten im Empfangsbereich verabschiedete ich mich von meiner Familie und checkte mit Eileen im Kreißsaal ein.

Sie verließ noch einmal kurz den Raum, während ich mich mit diesem vertraut machte. Nun wurde mir bewusst, dass heute wohl tatsächlich mein Baby geboren wird!

Kurze Zeit später kam auch Kristin und begrüßte mich ruhig. Ich fand mich mit meinem großen Bauch auf der Liege sitzend wieder, brummte thronend vor mich hin und fühlte mich Königinnen-gleich. Im Hintergrund hörte ich das Wasser in die Wanne laufen. Meistens hatte ich die Augen geschlossen. Obwohl ich kaum richtig sah, spürte ich Eileens Anwesenheit. Ich ahnte ungefähr, wo sie sich im Raum befand. Sie ließ mich machen und leitete mich an, wenn ich Hilfe brauchte.

Als dann die Fruchtblase blubbernd ihr Reißen ankündigte, stieg ich von der Liege. Ernüchternd stellte ich fest, dass mit dem Fruchtwasser der Druck weg war und sich die Wehen leer anfühlten. Gemeinsam versuchten wir verschiedene Positionen aus. Doch nichts brachte den Flow zurück. Hier übernahm meine Hebamme die Leitung. Ich vertraute ihr, sie begleitete mich durch die Wehen, bestärkte mich immer wieder und ließ mich in Pausen auch kurz wegdösen.


Irgendwann war ich ziemlich kraftlos. Eileen sprach eindringlich mit mir und malte mir mit ihren Worten ein schönes Bild in meine Gedanken, welches mir Motivation für die letzte Phase schenken sollte. Die Situation tauchte sehr klar vor meinen Augen auf und bewirkte tatsächlich erneut aufkommende Lust und Kraft für die Geburt meines Babys. Jetzt war der Moment, wo ich wieder die Führung übernehmen konnte und Eileen reichte mir ohne zu zögern die Zügel. Wir waren ein gutes Team und fanden mit wenigen Worten die entscheidende Position. Kristin beobachtete zurückgezogen unser Tun.


Ich spürte den Platz, den mein Baby nun hatte und ging mutig und kräftig in die kommenden Wehen. Ich fühlte mich stark!

Kurz darauf habe ich mein wunderschönes kleines Kind geboren. Da lag es zwischen meinen Schenkeln. Ich hob es auf und schloss es fest in meine Arme und in mein Herz!


Noch heute bin ich dankbar, für diese unglaubliche Erfahrung und diese nahe und sehr verbundene Begleitung vom zweiten Strich auf meinem Schwangerschaftstest bis zur letzten getrockneten Träne im Wochenbett.


Ihr drei wunderbaren Frauen seid eine wahre Bereicherung in der Jenaer Geburtslandschaft und ich danke euch von Herzen, für all eure Zeit, die ihr mir geschenkt habt.


– Anja

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